Bildschirm aus, Bewegung an:
Physiotherapeuten als
starke BGM-Partner
Wie kann Betriebliches Gesundheitsmanagement funktionieren, wenn Mitarbeiter zunehmend im Homeoffice arbeiten - und welche Chancen ergeben sich daraus für Physiotherapeuten? Wir haben mit Dr. Alexandra Lückermann, einer promovierten Organisationsentwicklerin mit langjähriger Erfahrung im Bereich New Work sowie Mitarbeitergesundheit und -management, und Jonas Krinke, einem Gesundheitsmanager mit interdisziplinärem Hintergrund aus Wirtschaft und Sportwissenschaft, über aktuelle Entwicklungen im BGM und praktische Lösungsansätze gesprochen.
pt Zeitschrift für Physiotherapeuten
im Gespräch mit
Dr. Alexandra Lückermann und Jonas Krinke
Der Wecker klingelt wie jeden morgen, doch plötzlich ist alles anders: Beim Aufstehen schießt ihr ein stechender Schmerz in die Fersen. „Als würde ich auf einer offenen Wunde laufen“, erinnert sich Dr. Alexandra Lückermann.
Die Expertin für Betriebliches Gesundheitsmanagement erlebt am eigenen Körper, was sie sonst aus ihrer Arbeit mit Unternehmen kennt. Bewegungsmangel, Fehlhaltung, Überlastung - alles Folgen der veränderten Arbeitswelt.
Der Orthopäde nennt es trocken „Homeoffice-Krankheit“.
Wieso BGM immer relevanter wird, und wie gerade Physiotherapeuten Unternehmen als externe Partner unterstützen können, darüber sprechen Dr. Alexandra Lückermann und Jonas Krinke im Interview.
Frau Dr. Lückermann, Herr Krinke, Sie beschäftigen sich beide täglich mit der Frage, wie Unternehmen Gesundheit fördern und verankern können. Wie beurteilen Sie den aktuellen Stellenwert des Betrieblichen Gesundheitsmanagements?
Jonas Krinke (JK): Der Stellenwert des BGM sollte eigentlich hoch sein. Gerade der betriebliche gesundheitsfördernde Teil unterstützt schließlich die nachhaltige Leistungsbereitschaft und Motivation der Mitarbeiter. In der Realität ist es aber immer wieder so, dass in Unternehmen gerade diese Gesundheitsförderung keine so große Priorität hat. Das liegt daran, dass die Arbeitgeber nur verpflichtet sind, sich um den Arbeitsschutz und das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) zu kümmern. Die betriebliche Gesundheitsförderung ist freiwillig. Außerdem gibt es meistens keine konkreten Zahlen, keine wirtschaftlichen Erfolge des BGM, die sich wirklich messen lassen. Natürlich gibt es Kennzahlen wie Krankenquoten oder Ergebnisse aus Mitarbeiterbefragungen. Diese lassen sich jedoch nur bedingt eindeutig auf einzelne Maßnahmen des BGM zurückführen. Das macht es schwierig, den Nutzen klar zu belegen und zu rechtfertigen, warum es so wichtig ist. Entsprechend ist die Gesundheitsförderung leider oft das Erste, das von der Führungsetage gestrichen wird.
Die Corona-Pandemie hat auch in der Arbeitswelt für einige Veränderungen gesorgt, Remote-Work hat zum Beispiel massiv zugenommen. Wie hat sich dadurch der Bedarf an Gesundheitsförderung verändert?
JK: Was mir am meisten auffällt, ist, dass das soziale Miteinander fehlt. Das war ganz anders, als noch alle Mitarbeiter ins Unternehmen gekommen sind. Dabei ist gerade das nicht nur förderlich für die mentale, sondern auch für die körperliche Gesundheit. Schließlich kann der Austausch mit anderen Stress reduzieren und somit dessen Folgen verhindern.
Alexandra Lückermann (AL): Extrem geändert hat sich aber auch, dass man noch viel mehr vor dem Bildschirm sitzt. Arbeitnehmer machen viel mehr digital, das gab es so vor Corona oft gar nicht. Da ist man noch für jede Konferenz quer durch Deutschland gereist oder auch nur von Büro zu Büro, von einem Gebäude zum nächsten gelaufen. Auch das ist Bewegung, die jetzt zunehmend wegfällt.
Video-Calls finden teilweise schon innerhalb eines Unternehmens statt. Viele sitzen den ganzen Tag nur vor ihrem Computer. Diese Entwicklung ist Gift für den Körper.
JK: Dazu kommt, dass gerade Homeoffice-Arbeitsplätze häufig nicht so gut bzw. nicht ergonomisch eingerichtet sind. Höhenverstellbare Schreibtische gibt es meist nur in den Firmen. Daraus resultieren noch stärker Fehlhaltungen etc. Das sind alles Faktoren, die dafür sorgen, dass Gesundheitsförderung noch wichtiger wird.
Herr Krinke, Sie sind selbst für ein Unternehmen im Bereich BGM tätig. Welche Angebote zur Gesundheitsförderung gibt es bei Ihnen?
JK: Wir haben einen ganzheitlichen BGM-Ansatz. Dazu gehören beispielsweise bewegte Pausen, oder freitags Yoga. Dafür haben wir externe Anbieter. Alles findet auch digital statt, damit sich alle Mitarbeiter zuschalten können, sollten sie nicht im Büro vor Ort sein. Außerdem bieten wir Webinare unter anderem zu Resilienztraining, richtigem Sitzen, ergonomischer Haltung und so weiter an. Diese gebe ich auch selbst. Zusätzlich gibt es bei uns eine Laufgruppe, einen kleinen Fitnessraum, eine Tischtennisplatte und eine Dartscheibe. Klingt nach Spaß, ist aber auch wichtig, um die Mitarbeiter für kurze Pausen von ihren Bildschirmen zu lösen. Wir arbeiten auch mit einer Krankenkasse zusammen und veranstalten gemeinsam Gesundheitstage, sei es mit der Möglichkeit eines Rückenscreenings oder zum Thema Augengesundheit. Ansonsten sind auch Gamification-Ansätze immer spannend, wie zum Beispiel Punktesysteme, über die sich die Mitarbeiter untereinander ein Stück weit herausfordern können.
Zu potenziellen externen Anbietern zählen auch Physiotherapeuten. Warum sollten gerade diese BGM-Maßnahmen in ihr Portfolio aufnehmen?
AL: Ich glaube, es ist allgemein ein Thema bei Physiotherapeuten, dass sie gar nicht wissen, wie viel sie im Vergleich zu anderen Anbietern wissen. Aber gerade sie haben das Wissen darüber, wie der menschliche Körper funktioniert, und können dieses als Basis nehmen, um auch grundlegend die Ursache zu ändern. Außerdem liefern sie den externen Anstoß, der oft nötig ist, um Arbeitnehmer aus den bisherigen Mustern zu holen. Sie legen nochmal mehr Wert auf Gesundheit und darauf, das Verständnis für den Körper zu vermitteln, als es viele andere BGM-Beauftragte überhaupt können.
JK: In meiner Bachelorzeit habe ich ein Praktikum als Sportwissenschaftler bei BMW gemacht und war in der Produktion tätig. Wir haben die Montagemitarbeiter am Band direkt geschult. Wenn sie beispielsweise eine Tür verbaut haben, hatten sie immer eine bestimmte Körperhaltung. Ich als Sportwissenschaftler habe das zwar gesehen, aber die Physiotherapeuten können das fachlich nochmal ganz anders beurteilen. Sie können deshalb auch deutlich bessere Tipps geben, was Mitarbeiter ändern können, um potenzielle Beschwerden zu lindern oder bestenfalls zu verhindern. Sie können eine praxisnahe Perspektive beisteuern. Letztendlich ist es dann auch eine Win-Win-Situation für Physiotherapeuten und Unternehmen. Erstere haben eine zusätzliche Einnahmequelle und Letztere einen kompetenten Partner an der Seite. Physiotherapeuten sind im BGM keine Ergänzung, sondern können ein zentraler Hebel sein, wenn es um Prävention und langfristige Arbeitsfähigkeit geht.
Wie kann eine Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeut und Unternehmen konkret aussehen?
JK: Grundsätzlich haben Physiotherapeuten die Möglich-keit, sich entweder als externer Anbieter von BGM zu positionieren oder sich von einem Unternehmen direkt anstellen zu lassen. Die zweite Möglichkeit ist eher bei großen Konzernen möglich. Für Therapeuten, die schon eine Praxis betreiben, ist die erste Option geeignet. Sie brauchen dann aber ein durchdachtes Konzept. Es sollte im Idealfall immer auf die Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens zugeschnitten werden. Ein fertiges, gleichbleibendes Programm ist auch möglich, zum Beispiel in Form eines fertigen Vortrages oder Workshops. Es gibt ohnehin Themen, die immer wieder gebraucht werden, aktuell zum Beispiel mentale oder auch muskuloskelettale Gesundheit. Da muss jeder Physiotherapeut letztendlich selbst entscheiden, mit Blick auf zeitliche und personelle Kapazität sowie die eigenen Ansprüche, welche Maßnahmen er anbieten will. Erfolgreich können vorallem die Physiotherapeuten sein, die es schaffen, ihr Fachwissen in die Sprache von Unternehmen zu übersetzen.
Würden Sie empfehlen, eher hybride Konzepte anzubieten oder auf reine Präsenzmaßnahmen zu setzen?
JK: Man sollte schon hybride Konzepte anbieten. Gerade weil das Thema „Remote“ in der heutigen Zeit so präsent ist. Viele Menschen arbeiten nur noch von zuhause aus, aber auch für sie ist BGM wichtig. Außerdem gibt es Unternehmen, in denen an mehreren Standorten gearbeitet wird. Da können einfach nicht alle an einem Ort zusammengebracht werden, auch aus Kostengründen, obwohl es wünschenswert wäre. Für sie ist es unabdingbar, dass zum Beispiel die aktive Pause auch digital zur Verfügung steht.
Mit dem Konzept allein ist es aber noch nicht getan. Welche Wege gibt es, um damit bei Unternehmen Fuß zu fassen?
AL: Physiotherapeuten haben den Vorteil, dass sie schon eine Heilmittelzulassung haben. Wichtig ist aber, dass sie auch die Arbeitsstättenrichtlinien kennen, wenn sie BGM anbieten wollen. Ansonsten macht es viel aus, wie sie ihr Angebot kommunizieren. Es hilft immer, einen kleinen Flyer oder einen starken Internetauftritt zu haben. Ansonsten können auch bestehende Patienten unterstützen, indem sie das Angebot ihren Arbeitgebern vorstellen. Ein potenzieller Ansprechpartner in Unternehmen an den sich Physiotherapeuten wenden können, ist die Personalabteilung. Letztendlich haben diese mit den hohen Krankenzahlen zu kämpfen. Im vergangenen Jahr hatten Unternehmen im Durchschnitt pro Mitarbeiter an die 30 Krankheitstage. Da werden es mit Sicherheit einige in Erwägung ziehen, gesundheitsfördernde Angebote in Anspruch zu nehmen.
JK: Wenn ein Unternehmen schon ein BGM-Konzept hat, gibt es auch immer einen Verantwortlichen, an den sich Physiotherapeuten direkt wenden können. Die sind auch fast immer dankbar, neue Ansätze zu hören oder einen externen Anbieter an Bord zu haben. Also einfach mal beim BGM-Beauftragten anklopfen, das Portfolio bereithalten und bestenfalls rennt man offene Türen ein.
Sehen Sie einen bestimmten Trend für die Zukunft des BGM?
JK: Vielleicht geht die Tendenz sogar langfristig wieder eher zum Persönlichen, zum sozialen Miteinander und weg von den Bildschirmen, vor denen viele von uns den ganzen Tag sitzen. Wir sind in der Arbeit am Computer, zwischendurch am Handy, abends vorm TV. Da sind wir dann vielleicht auch froh, wenn wir ein BGM-Angebot vor Ort wahrnehmen können, mit anderen zusammen.
Wenn Sie Physiotherapeuten einen Rat geben sollten, um das Thema BGM anzugehen, welcher wäre es?
AL: Ich würde klein anfangen. Vielleicht bei einem Unter-nehmen, wo ich schon jemanden kenne, oder einige BGM-Beauftragte oder andere Zuständige aus Firmen in die Praxis einladen und dann ein kleines Angebot beginnen. Das kann man dann nach und nach ausbauen. Irgendwann wird es sich dann von alleine entwickeln.
JK: Alles, was irgendwie kurz, alltagstauglich und direkt spürbar ist, das funktioniert deutlich besser als die klassischen Kursformate. Und ansonsten: einfach den Schritt wagen. Also, worauf warten? Vielleicht findet man ja direkt Unternehmen, die gerade Bedarf haben, aber nicht wissen, was sie machen sollen. Es ist doch häufig so, dass man irgendwas machen möchte, aber nicht genau weiß, wie man es angehen soll. Wenn dann jemand auf einen zukommt und sagt: „Hey, ich kann das und das anbieten“, dann wäre das doch schonmal ein guter Anfang.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Leah Seifert (pt Zeitschrift für Physiotherapeuten).